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Monique Schwitter
Rede für Matthias Zschokke zum 70. Geburtstag

Guten Abend, liebe Menschen; meine Damen, die Herren. Guten Abend, Matthias Zschokke!

Jetzt stehe ich also da und es fällt mir die schöne, aber auch herausfordernde Aufgabe zu, Matthias Zschokke zu seinem 70.Geburtstag mit Worten zu bedenken. Schon die Anrede will wohlüberlegt sein. Du? Oder Sie? Oder Ihr? Immerhin sind wir hier in Bern, und das Vielfältige, das sich hinter dem «Ihr» verbirgt, schiene mir nicht unpassend.

Matthias Zschokke, wir kennen uns ja eigentlich nicht. Gut, wer kennt sich denn schon. In «der Mann mit den zwei Augen» siezt sich das Protagonistenpaar ein ganzes Buch lang, auch nach Jahrzehnten des Zusammenlebens noch, denn wie es heisst: «Der Mann und die Frau hatten den Moment versäumt, einander das Du anzubieten»; und so möchte ich es vielleicht auch halten. Obwohl mir das Siezen jetzt, gerade in Anspielung auf besagtes Buch, viel zu intim vorkommt. Wie vermessen aber wäre es erst, hier ranschmeisserisch lieber Matthias zu sagen? Den Lektor scheinst Du (ich probiere das jetzt mal aus mit diesem Du) zu duzen, lieber Matthias, immerhin legt dein Buch «Lieber Nils» das nahe. (Ich sieze meinen Lektor tatsächlich bis heute, obwohl er einer der Menschen ist, die ich am meisten schätze und denen ich mich immer mal wieder so nahe fühle oder fühlte, er ist ja leider im Ruhestand, wie man sich einem anderen Menschen eben nur nah oder fast nah fühlen kann). Also was jetzt. Du: nein, Sie: eher nicht; Ihr, lieber Matthias Zschokke. Ihr. Dafür möchte ich mich entscheiden, die Pluralform, denn Ihr seid, finde ich als aufmerksame Leserin Eurer Bücher, Ihr seid nie nur einer. Da schwingt immer noch etwas oder jemand anderes mit. Darauf komme ich noch zu sprechen.

 

Was mich überdies irritiert (an der heutigen Veranstaltung), ist die Zahl. 70. Das stellt eine fest, die Koketterie mit dem eigenen Lebensalter zutiefst ablehnt, um nicht zu sagen: hasst. Eine ekelhafte Seuche der Zeit (neben einigen anderen). Hier aber fange sogar ich damit an. «Was? Zschokke 70? Nie im Leben.» Meine Freundin Angelika, der ich neulich einen Korb gab (sie wollte mit mir ausgehen), weil ich eben diese Rede zu schreiben hatte, sagte das. «70? Kann doch nicht sein.» Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es auch nur eine Person in diesem Raum gibt, die jetzt widersprechen möchte.

Gut. Die Anrede ist geklärt: 2.Person plural. Die Zahl 70 und mit ihr die Zeit wurde zu einem Gespinst erklärt. Kommen wir nun zum Namen. Lieber Matthias Zschokke. Es gibt die Schweizer, die sagen Mátthias. Und es gibt die Deutschen, die sagen Matthías. Und Ihr seid einer, der in beiden Welten zugange ist, hier wie dort. Was wäre da richtig? Wenn ich nicht darauf achte, sage ich Matthías, weil ich selbst anscheinend zu lange in Deutschland gelebt habe. Aber kaum dass ich es sage, jedes Mal, denke ich, es könnte falsch sein. Mátthias. Matthías. Ist das denn wichtig? Ja, ich glaube schon. Denn Eure Sprache, Matthias Zschokke, hat ebenso wie Euer Vorname beide Möglichkeiten und Verortungen, ist auf eigene, einzigartige Weise geprägt vom deutschen Deutsch ebenso wie vom schweizerischen Deutsch. Da finden sich auch ausgesuchte eidgenössischen Perlen wieder. Nur die schönsten, wie mein Lieblingshelvetismus, das Verb: beelenden.

Kommen wir zum Nachnamen. Ich dachte immer, Zschokke wäre richtig. Nun bin ich aber vorsichtig geworden, da ich bezüglich der Ur-Aufführung der Alphabeten in einer alten Tagesschausendung gehört habe, wie der Sprecher sehr gepflegt und scheinbar mühelos Euren Namen so ausgesprochen hat: Z-schokke. Das ist sogar für eine Zürcherin wie mich, die so Sätze wie Z’Züri schträtzt’s ganz einfach aussprechen kann, schwierig. Z-schokke. Aber schlecht klingt es nicht. Oder? Nicht so wie bei der lispelnden Geliebten, von der im grauen Peter die Rede ist, die seinen Namen nicht aussprechen konnte, oder? Trotz der ganzen Zischlaute. Z- schokke. Fast wie «zu schocken»: Z’ schocke! Und das passt auch. Denn bei Euch, lieber Z-schokke, haben wir Leser es mit einem zu tun, der uns durchaus immer wieder Bange zu machen und zu erschrecken weiss. Dazu gleich mehr.  Mátthias Z-schokke. Was so ein Name alles hergibt. Oder auch nicht. Denn:

«Wären wir einsichtig, würden wir lernen, dass der Witz an den Dingen darin besteht, sie niemals beim Namen zu nennen.» Gilt das nur für Dinge oder auch für Menschen? Angesichts des ungezählten namenlosen Personals in Euren Büchern könnte man zur Überzeugung gelangen, dass es unbedingt auch auf Menschen zutrifft, vielleicht sogar mehr noch als auf die Dinge.

                                                          
                                                                                       ***

Nun zum Schönen an der Aufgabe, die ich hier übernommen habe: Sie hat mich dazu verführt, noch einmal und geballt in die Welt Eurer Literatur einzusteigen und mich darin zu bewegen. Und das kann ich jedem empfehlen. Und davor muss ich aber auch jeden warnen, denn: Man weiss nie, woran man ist, man kann sich nie in Sicherheit wähnen. Und auch die handelnden Personen scheinen es nicht zu wissen und wirken dadurch nicht gerade vertrauenserweckend als Reiseleiter. Man kann in Euren Texten und Geschichten ins Trudeln geraten. Vieles wird gezeigt, aber nichts wird gedeutet, und nichts erklärt. Klar und scharf sind Eure Texte, verständlich, aber niemals um Verständnis bittend oder Gewissheiten bietend. Wie heisst es so schön an einer Stelle: «Ein Vogel singt nicht, weil er eine Antwort kennt, sondern weil er ein Lied kennt.»

Eure Literatur ist eine gewaltige Wunderkammer, die sich immerfort weitet, hinter jedem Winkel tut sich ein weiterer Gang auf, ein Kosmos, in dem man sich verlaufen kann. In dem man vieles zu Gesicht bekommt, einiges versteht, und anderes mit Befremden anblickt; eine Welt, in der man auch Befürchtungen hegt, mal zurecht und mal zu Unrecht. Meist kommt es anders, als man denkt. Nicht unbedingt besser, aber anders. Man reibt sich die Augen, schüttelt das Gemüt und muss weiterlesen. Und der Autor? Dem traut man alles zu und folgt ihm doch blind. «Warum sich nicht auf das wabernde, mehrdeutige Reden einlassen?» fragt Ihr an einer Stelle. Wir lassen uns eh darauf ein, wir können nicht anders, auf die Erkundungen des Reichs des Diffusen, des Ungewissen.

«In der Kindheit lernen wir, was Milch ist, was Käse ist, was Brot ist, was gut, was schlecht, was heiss, was kalt, was wichtig, was überflüssig ist. Dann drängt uns das Leben in diffuse Situationen, wo gut nicht mehr gut ist, schlecht nicht mehr schlecht, wo unser Wissen einknickt und unsere Gewissheiten sich auflösen.»

                                                                                 ***

Dem Disparaten die Stirn bieten, diese Aufgabe übernimmt heute Abend das Cello, es hält dieses Programm zusammen. Es beschwört auch Euer Buch «Maurice mit Huhn» herauf und lässt es hier im Raum präsent sein. Das Cellospiel von nebenan wird uns in Erinnerung gerufen, die Tonleitern über drei Oktaven werden gegenwärtig, und mit ihnen ist der «Ohrenvampir» Maurice anwesend, der Leben aus den Tönen saugt und Trost in ihnen findet.
Irgendetwas hindert Maurice bekanntlich daran, den Klängen auf den Grund zu gehen und zu erfahren, wer das Cello spielt. Vielleicht, wie er selbst vermutet, weil ihm das Ungeklärte grundsätzlich lieber ist…

Für dieses Buch, Maurice mit Huhn, habt Ihr, lieber Matthias Zschokke, 2006 den Schillerpreis erhalten; und darüber bin ich froh, denn die Schillerförderpreise erhielten Michel Mettler und ich für unsere Debüts, wir waren also ganz neu in der Welt des Buchbetriebs und wurden, gemeinsam mit einem poeta laureatus ausgezeichnet. Obwohl ich mir recht sicher bin, dass Ihr Euch niemals als solchen bezeichnen, geschweige denn fühlen würdet. Aber für uns Neulinge wart Ihr das ganz ohne Frage. Bei der Preisverleihung damals im Zürcher Literaturhaus vor nunmehr 18 Jahren befanden wir uns meines Wissens zum ersten Mal zugleich in einem Raum. Meine Augen waren auf das Cover Eures Buches gerichtet; auf Maurice mit Huhn, das darauf abgebildete gleichnamige Gemälde von Albert Anker. Ein Porträt des 3jährigen Sohns des Malers, der ein weisses, seltsam reglos aber zufrieden wirkendes Huhn auf Herzhöhe in seinen allerliebsten kleinen Händen hält und aufmerksam und ernst und gleichzeitig mit grosser Offenheit den Betrachter anschaut aus glänzenden runden Kleinkinderaugen. So hält man einen Schatz. Fest und vorsichtig, stolz und freudig, zukunftsgewandt und irgendwie gleichzeitig zart und unbesiegbar wirkend. Wer ein Huhn so nah an sich zu binden weiss, so zu halten versteht, was könnte dem das Leben anhaben? (Es wirkt beinahe tot wie die Nonnengans, die wir aus einem Eurer Bücher kennen, bei der man nur erkennt, dass sie lebendig ist, am rundum vollgeschissenen Dach.) Und doch ist etwas sehr Fragiles in dem Bild, ein Bedauern, dass dieser Moment keineswegs von Dauer ist. Dass das, was wir da sehen, längst weggehüpft und vorbei ist, diese Nähe zwischen Kind und Hühnervogel. Niemand weiss, was die beiden miteinander verbindet, ein Geheimnis, diese hellblonden Haare, dieser ungetrübte Blick. Es ist mir erst durch die neuerliche Lektüre und insbesondere durch die Bücher, die seit «Maurice mit Huhn» bis heute entstanden sind, klargeworden: Für mich ist das ein gelungenes, ein treffendes Porträt nicht nur von Albert Ankers Sohn, sondern auf jeden Fall auch des Schriftstellers Matthias Zschokke. Und hiermit komme ich zurück auf den Anfang, auf meinen Unglauben über die Zahl 70, der nichts mit einem äusserlichen «Mensch, das sieht man Euch ja gar nicht an, Euer Alter!» zu tun hat, aber sehr viel mit einer inneren Verfasstheit. Da bleibt jemand und ist schon längst nicht mehr dieser Knabe und wird seiner nicht habhaft und wird ihn nicht los. Genauso wie dieser das Huhn hält. Für einen unmöglichen, ewigen Augenblick. Maurice mit Huhn: Der Dichter und die Literatur.

Ich habe viel zu viel Material. Ich darf nur zwölf, maximal 15 Minuten sprechen. Und auch, wenn ich jetzt auf Fastforward stellen und so schnell wie nur irgend möglich und nur gerade eben noch verständlich sprechen würde, gelänge es mir nicht, alles in 12-maximal15 Minuten unterzubringen. Ich muss daher den Plan ändern, hier und jetzt.

Und beim Blick auf die Uhr wird mir klar: Ich kann nur eben einen Punkt noch zur Sprache bringen. Einen, den ich bereits angekündigt, auf den einzugehen ich versprochen habe.

Immer wieder geht es bei Euch um das Doppelwesen Knabe und Mann, um das Knabenhafte und das Männliche, und um denjenigen, der beide Seiten in sich trägt, Kind und Erwachsener zugleich ist, dessen Tun und Trachten immer kippen kann ins Reine, Feine, ins Animalische, in die Ratio, in den Rausch, ins Ungefähre, ins Messerscharfe, ins Harmlose, ins Gefährliche. Ins Zärtliche, ins Brutale. Vom Schlichten ins Vielfältige, vom Einfachen ins Vertrackte. Das ist immer nahbar und doch nicht greifbar, geschweige denn erklärbar.

Im «grauen Peter» findet sich dieses Spannungsfeld in der Begegnung zwischen dem erwachsenen Peter und dem achtjährigen Zéphyr. Am Anfang des Buches steht der Verlust eines kleinen Jungen, des Sohnes des Grauen Peters, auf den im ganzen Buch nicht mehr die Rede kommt. Stattdessen kommt es zur Begegnung Peters mit diesem lockigen Knaben, der «was für eine zarte Haut», hat, «ein Mondstrahl kann nicht zarter sein», in den Peter gerne «hineinbeissen möchte», aber «nein, das darf man nicht.»

Das Buch beunruhigt mit seinen Möglichkeitsräumen.

Aber dann gibt es diesen ganz anderen Aspekt. Peter betrachtet Zéphyr und denkt: «Mein Leben lang habe ich mir gewünscht, dunkle Locken zu haben wie du.» «Was für ein perfekter Junge. So ein Junge wäre ich auch gerne gewesen.» So ein Junge wäre er auch gerne geblieben?

Und so scheint es, dass dieses ganze Buch, dass diese Begegnung zwischen dem grauen Peter und dem Knaben Zéphyr, auch eine Begegnung mit sich selbst ist.

Unter allem webt und wirkt und schwingt die Sehnsucht, in Übereinstimmung mit sich selbst zu kommen. Den Knaben in sich mit dem Mann, der man geworden ist, zu versöhnen. Der Knabe bleibt anwesend, aber unverstanden und unverbunden; sich selbst ein Rätsel, auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit und der Bedeutung des Erlebten; ein Ferner, ein Fremder und doch einer, den man nicht hinter sich lassen kann.

Zwei in einem: Für Peter kein stimmiger Zweiklang. Nicht Konsonanz, sondern störender Doppelklang/ Dissonanz. Er sehnt sich nach dessen Auflösung. Die Harmonisierung ist aber nicht möglich. Immer klingt Unterschiedliches.

Matthias Zschokke, Ihr seid der Schriftsteller des Zweigleisigen, der gleichzeitigen Parallelwelten. Ihr löst den Doppelklang nicht auf, schleift ihn nicht, beharrt auf dem Zweistimmigen, dem Nebeneinanderklingenden. Es schwingt immer beides mit, ist unvereinbar und «ungehörig» (um beim Klang, beim Gehör zu bleiben). Es geht nicht das eine ins andere über.
Ihr verzichtet auf Vereinfachung, Vereinheitlichung. Ihr seid einer, der die Dissonanzen aushält. Und den doch, so scheint es, bohrende Sehnsucht nach Stimmigkeit und Einklang treibt, und der sich dazu bekennt. Immer wieder und in Variationen und geradezu mit besessener Aufrichtigkeit.

Und vielleicht liegt es daran, an ihrem fehlenden Gefühl des Einklangs, dass Eure Figuren sich der Welt gegenüber immer «gefangen im aussen vor» empfinden und es womöglich auch bleiben.

Ihr schreibt: «In der Lage zu sein von sich als jungem Menschen zu träumen: Es wäre eine wirkungsvolle Kur gegen die Erschöpfung.»

Und Ihr schreibt: «Mit dem Alter werden intelligente Menschen leiser.»

Das wollen wir, auf Euch bezogen, nicht hoffen, lieber Matthias Zschokke! Ich kann nur sagen: Perfekte Lautstärke bisher. Einfach genau so weiter. Einfach nicht leiser werden!

Danke, im Namen von uns allen. Danke fürs feine Ohr. Danke fürs gute Wort. Danke für jedes einzelne Buch. 

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©Monique Schwitter

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