Der Grosse Mythen ist ein widersprüchlicher Berg. Einerseits wirkt er freundlich und einladend in seiner kompakten, vollendeten Form, einer der beliebtesten Berge des Landes, vielbestiegen, viel gerühmt; der Hausberg der Schwyzer, die ihn, jedenfalls die sportlicheren unter ihnen, gerne auch als tägliche Trainingsstrecke nutzen. Es gebe, so hört man, nicht wenige, die nach Feierabend noch kurz hoch- und wieder runterrennen. Auch Ästheten zieht der Berg aufgrund seiner bemerkenswerten Beschaffenheit und seines fantastischen Panoramas zahlreich an. Jedes Jahr besteigen etwa 40'000 Menschen den singulären Schönling.
Andererseits ist der Grosse Mythen nach Todesfallzahlen der gefährlichste Berg der Schweiz. Und das Beunruhigende daran: Die Leute kommen überwiegend nicht auf Abwegen zu Tode. Es sind nicht nur die Waghalsigen, die die Nebenroute über den Nordostgrat des Berges nehmen, oder die bei Kurve 37 den «Normalweg», wie sie ihn verächtlich nennen, verlassen und über die legendäre «Totenplangg» zum Gipfel hochsteigen, für die der Berg lebensgefährlich ist. Die Totenplangg. Eine furchteinflössend abschüssige, übersteile Grashalde im obersten Bereich des grossen Mythen, die ihren Namen dem Umstand verdankt, dass dort Unzählige zu Tode gestürzt sind. Viele angeblich beim Pflücken der blutroten Alpenrose. Früher war die Totenplangg Teil der offiziellen Route. Aufgrund der vielen Opfer wurde der Wanderweg 1982 um die gefährliche Zone herumverlegt. Doch die Todeszahlen blieben hoch, bis heute.
Die allermeisten tödlichen Stürze passieren auf dem offiziellen Wanderweg, auf der guten alten Stinknormalroute, die sich im Zickzack über die Südflanke des Berges windet. Banal ist sie nicht. Das beginnt bei Kehre 1, wo sogar der Rekordhalter unter den Mythenbesteigern, ein gewisser Herr Schelbert, bei einem eiligen Abstieg ausrutschte und vom Weg flog. Er stürzte zwischen Felsen hindurch etwa zehn Meter tief. Dass er sich dabei nicht ernsthaft verletzte, war reines Glück. Auch Herr Schelbert weiss, und er würde dem folgenden Satz einen langen, tiefen, ernsthaften Blick hinterherschieben und dazu nachdrücklich nicken: «Es gibt ein paar Stellen, da ist stolpern verboten.»
Schon die Geschichte der Erstbegehung des grossen Mythen, eine Sage aus alter Zeit, bezeugt die Gefährlichkeit des schönen Riesen. Sie geht so:
Ein vom Blutgericht des alten Landes Schwyz zum Tode Verurteilter beteuerte fortwährend seine Unschuld, bis ihm von einem eigens angerufenen «Gottesgericht» die Ersteigung der damals wild und abschreckend ausschauenden Mythe auferlegt wurde. Niemand war jemals dort oben gewesen. Der Berg galt als unbezwingbar, als Ort, an dem kein Menschenwesen überleben konnte, eine No-Go-Area, in der Bestien, tödliche Winde und schreckliche Geisterwesen hausten. Dem Verurteilten wurde aufgegeben, den unüberwindbaren Berg zu besteigen. Kehrte er heil vom Gipfel ins Tal zurück, wäre seine Unschuld bewiesen, verlöre er sein Leben, durch Absturz oder die folgenschwere Begegnung mit einer Bestie oder einer anderen Naturgewalt, hätte Gott ihn für sein Vergehen in gerechter Weise bestraft. Der dem Schicksal preisgegebene Landsgenosse bezwang den Gipfel und kehrte schwer mitgenommen, aber äusserlich unversehrt zurück. Sprechen konnte – oder wollte – er jedoch nicht mehr. Seiner Lebtag hat man aus seinem Mund kein einziges Wort mehr gehört. Was mag der Mann auf seiner schicksalshaften Wanderung auf Leben und Tod erlebt haben? Welchen unaussprechlichen Schrecken mag er davongetragen haben?
Was gäbe ich darum, seinen Bericht zu hören!
Spätestens hier ist klar: Ich will auch da hinauf, auf den sagenumwobenen, teuflisch gefährlichen, gleichzeitig so handzahm wirkenden, ziemlich überlaufenen Superberg.
Die Planung der Begehung nahm dann einige Zeit in Anspruch.
Nass war es dieses Frühjahr, dann wurde es unvermittelt heiss. Regen und Hitze, abwechselnd. Zunächst hatte ich darauf gewartet, dass die Route nach dem Winter überhaupt freigegeben wurde. Das war erst im Mai der Fall. Da regnete es dann die ganze Zeit.
Immerhin hatte ich eine Mittäterin, eine Mitläuferin, eine Mitmacherin gefunden: Sabine Graf (Ihnen allen wohlbekannt, sie hat gerade die liebenswürdigen Willkommensworte gesprochen).
Tatsächlich gestartet sind wir wegen anhaltenden Regens dann allerdings erst am 13.Juni.
Am Freitag, den 13.Juni regnete es nicht. Dafür war es auf einen Schlag ungewöhnlich heiss.
Der nächste Abschnitt könnte den Zwischentitel tragen „Wie man sich den Mythen nähert, vom Unterland her“, ich habe ihn meiner „Notizen-App“ diktiert:
Fahrt nach Brunni, Kanton Schwyz und Wanderung auf den großen Mythen am Freitag den 13. Juni mit Sabine Graf. Treffpunkt Talstation Brunni 9:00 Uhr. Es ist jetzt, Moment ich hab Kontaktlinsen drin, deshalb sehe ich schlecht, ich such meine Lesebrille, okay, ja, es ist jetzt 7:12 Uhr. Ich sitze in meinem Auto vor dem Wohnhaus und starte jetzt über den Albis und den Hirzel. Voraussichtliche Fahrtdauer laut Google Maps Routenplanung 1 Stunde 20.
Gerade auf der Treppe habe ich mir überlegt, ob Sabine wohl auch so früh aufgestanden ist und das ganze Programm hinter sich hat, das ich hinter mir habe, und dann habe ich mir vorgestellt, was wäre, wenn sie jetzt noch schliefe, wenn sie schlicht und einfach den Wecker nicht gehört hätte; was wäre, wenn sie gar nicht käme, wenn ich alleine auf dem Parkplatz in Brunni stünde und dann an der Talstation, um festzustellen, dass Sabine nicht da wäre – was dann? Ich glaube, das würde mir gar nicht schlecht gefallen. Ich hätte auf der Wanderung die ganze Zeit eine imaginäre Gesprächspartnerin, diese Sabine, die nicht da ist, und gerade in ihrer Abwesenheit bekäme sie eine ganz wunderbare Präsenz und die Wanderung, die ich immer noch im Verdacht habe, allzu schnöde zu sein um darüber zu schreiben, bekäme durch diese imaginierte Person eine zusätzliche Tiefe und würde etwas, so stelle ich mir das vor, über das Menschsein und das Gehen und die Sehnsucht nach einem Gegenüber erzählen.
Es ist ein wunderschöner Sommer Morgen, auch wenn der Sommer kalendarisch noch gar nicht begonnen hat. Es war bereits vorgestern und gestern sehr heiß, auch drückend, und heute werden wieder Temperaturen deutlich über 30° erwartet. Regnen wird es sicher nicht, es ist also, was den Untergrund betrifft, mit besten Bedingungen zu rechnen. Allerdings ist da eben die Hitze, und das bei brutaler Steigung, von der Holzegg, wohin uns die Seilbahn bringen wird, geht es unbarmherzig bergauf auf den Gipfel des großen Mythen.
Jetzt konnte ich längere Zeit nicht diktieren, weil die Strecke doch recht herausfordernd war für mich, da ich sie überhaupt nicht kenne. Jetzt bin ich prompt – weiß ich nicht mehr, ob ich richtig gefahren bin. Ich muss mal kurz auf dem Navi gucken.
Okay, vorhin bin ich dann tatsächlich falsch gefahren und musste wenden, jetzt bin ich in Einsiedeln; und kurz vor Einsiedeln ist der große Mythen plötzlich ins Bild gerückt, riesig und klar und ganz einzigartig und allein da stehend, was für ein unglaublicher Anblick. Ich fahr jetzt weiter Richtung Brunni. Es ist 8:34 Uhr, ich komme wahrscheinlich gar nicht zu früh an, aber hoffentlich pünktlich, laut Navi habe ich noch eine Fahrzeit von 12 Minuten. Was ich die ganze Zeit diktieren wollte, und in Gedanken hatte, ist die Tatsache, dass meine Mutter mir gestern oder vorgestern, als ich ihr sagte, dass ich heut diese Wanderung auf den großen Mythen machen würde, sagte, ich sei schon einmal auf dem Großen Mythen gewesen. Und das hat mir dann doch einigermaßen die Kinnlade runter klappen lassen, denn davon weiß ich wirklich nichts. Sie sagte, ich sei doch damals mit Frau Schweizer, und ich finde es unglaublich, dass sie den Namen meiner Lehrerin noch weiß, ich war in der vierten bis sechsten Primarschulklasse bei Frau Schweizer, und meine Mutter ist der Meinung, dass wir in der fünften Klasse eine Wanderung auf den großen Mythen unternommen hätten. Wie gesagt, ich weiß davon nichts, aber es bedeutet, dass ich heute nicht nur auf den Spuren irgendeiner Geschichte wandle, wenn ich diesen Berg besteige, sondern auch auf den Spuren meiner eigenen Geschichte. Ich bin sehr gespannt, ob ich etwas wiedererkenne, ob es Klick macht, ob das stimmt, oder ob meine Mutter sich da täuscht. Mir ist dazu noch eingefallen, dass ich neulich das bestickte Fotoalbum wieder gefunden habe, das ich im Handarbeitsunterricht damals anfertigen musste bei Frau Wirz, und darin befinden sich zwei Fotos von meiner Schulklasse, der damaligen 5b, auf einem Berggipfel. Ich weiß aber nicht, ob das auf dem großen Mythen ist. Aber sollte sich das heute bewahrheiten, oder mir die Ahnung geben, dass es so sei, dann wäre das wirklich unglaublich, fantastisch. Ich habe jetzt immer noch, während ich spreche, eine ganz großartige Sicht direkt auf den großen Mythen. Fahre jetzt hier auf Alpthal zu und ja, einfach nur atemberaubend, dieser Anblick. Meine heutige Reise ist natürlich die Besteigung des Berges der Mythen, also des Berges der Geschichten, und diese Wanderung führt mich auch hoffentlich ins Geschichtenerzählen, und anders als der bedauernswerte Herr Erstbesteiger, dem es die Sprache verschlagen hat, hoffe ich auf das Gegenteil. Ich bin jetzt bereits in Alpthal. Muss mich jetzt also nur noch zur Talstation von Brunni begeben.
Da ist Sabine. Sabine ist da! Die Nummer mit der imaginierten Gesprächspartnerin demnach hinfällig. Sie winkt mir, mach rasch, die 9:00-Seilbahn fährt gleich.
Die Gondel war sehr voll.
Eine Frau sagte, dass sie, als sie das erste Mal hier oben gewesen sei, gedacht habe: Da kann man doch gar nicht hochlaufen. Weil, wenn man von hier aus hochblickt, kein Weg zu sehen ist, nur blanker Fels.
„Der arme Berg kommt gar nicht mehr zur Ruhe“, sagte eine andere Frau, „inzwischen gibt es von frühmorgens bis spätabends Geläuf, viele kommen, um den Sonnenaufgang zu erleben oder den Sonnenuntergang.“ Nachts, denke ich, nachts muss es doch Ruhe geben. Es ist schliesslich ein Jagdbanngebiet. Keine Gewehrläufe in der Dämmerung. Kein Campieren oder Biwakieren. Ungestörtes nächtliches Tierreich. Was mag es hier geben, ausser Gämsen und Murmeltieren? Bären? Wölfe? Laut der «Wolfspräsenz Stand November 2024», leben im Gebiet der Mythen keine Wölfe. Von den 107 geschossenen Wölfen im letzten Jahr gab es keinen Abschuss am Mythen. (Und wenn es einen gegeben hätte, wäre er wohl kaum zugegeben worden, siehe Jagdbanngebiet, und also auch nicht in der Statistik erschienen.)
War ich hier schon einmal? Mit Frau Schweizer und den anderen Kindern aus der 5b? In der Vorbereitung auf diese Wanderung habe ich den Berg studiert, in Wort und Bild, alles, was ich an Beschreibungen fand. Sind das die Bilder, die ich nun erkenne? Oder sind es 35 jährige Erinnerungen aus eigener Anschauung?
All die Leute, die mit uns in der Gondel waren, sind längst unterwegs nach oben. Bis wir uns eingecremt haben, auf der Toilette waren und im Ausflugsrestaurant noch kurz Proviant besorgt hatten („Sabine, das Wasser und der Nussgipfel“), geht es gegen 10:00. Es ist jetzt schon heiss. Der Himmel wolkenlos, die Sonne heftig. Hier beginnt der fast zweieinhalb Kilometer lange Serpentinenweg in 47 legendären Kehren (oder Kapiteln). Es ist die Südseite des Berges, sie liegt in der prallen Sonne. Unerbittlich heizt sie herab. Wir machen uns an den Aufstieg über den kargen, schmalen Weg, über Geröll und Felsen. Einen Rhythmus zu finden, ist nicht einfach. Einmal muss man die Schrittlänge bei jedem Tritt den Gegebenheiten anpassen, zum Teil sind es kleinste Schrittchen, die man geht, zum Teil holt man aus und nimmt einen richtigen Satz hoch auf den nächsten Stein, das Material bewegt sich unter den Schritten, Vorsicht ist geboten. Zum anderen herrscht reger Verkehr. Sehr viele Wanderer sind bereits auf dem Rückweg und kommen uns raschen Schrittes entgegen. Anhalten, ausweichen, gehen, anhalten. Welche, die sich auskennen sind das, die früh genug gestartet sind, um vor der Hitze wieder unten zu sein. Alle haben die gleiche Kleidung an, Bermudas und Hemden aus Funktionstextilien, eine Schildkappe, die meisten mit diesen zusammenklappbaren, schwarz-metallenen Hightech-Wanderstöcken. Lauter Profis.
TÖDLICH VS ÜBERLAUFEN, denke ich.
Dann vergesse ich meine Erinnerungen, die ich nicht habe, vergesse die Idee, mit jemand Imaginärem oder Realem mich zu unterhalten, vergesse Sinn und Zweck der Wanderung: Der Berg nimmt mich gefangen. Vom ersten Schritt an.
Bei Kehre 16, was einem Drittel der Strecke entspricht, habe ich ernsthafte Probleme. Mir ist schwindelig, meine Schläfen pochen wild, als enthielte die Luft keinen Sauerstoff mehr, nur noch warme Abgase. Mir ist merkwürdig zumute. Ich hangle mich ein paar Schritte hoch, bleib wieder stehen, und so weiter. Ich überlege, Sabine zu sagen, dass ich abbreche, aber sie hat etwas Unzögerliches im Schritt, das mich zögern lässt, sie anzusprechen.
Bei Kehre 17 soll es einen verborgenen Tierbeobachtungsposten geben, den ich nicht ausfindig machen kann. Es muss sich um eine sehr trickreiche Angelegenheit handeln. Eine Öffnung, einen Spalt, der von blossem Auge nicht zu sehen ist. Mit den Händen taste ich über den heissen Stein. Nichts. Hätte ich ihn entdeckt, ich hätte mich hineinbegeben, hätte Posten bezogen und wäre aus der Welt verschwunden, bis Sabine auf dem Rückweg vom Gipfel wieder vorbeigekommen wäre. Ich wäre vielleicht eingetaucht ins sagenhafte Tierreich des Mythen, oder in eine funkelnde Felsinnenwelt. Schattig wäre es dort, kühl, wundervoll. Mir ist so heiss, mein Kopf zerspringt gleich wie eine Tasse auf einer heissen Herdplatte. Spannungsriss.
Bei Kehre 19 erklingt plötzlich ein Alphorn vom Berg gegenüber, dessen Namen ich nicht weiß. Dort oben ist eine Bergstation von einer Gondelbahn. Ich muss nachher gucken wie der Berg heisst (Rotenflue). Ich horche auf. Wollen diese Alphörner mich zum Zurückkehren bewegen, oder wollen sie mich anspornen, den Berg zu erklimmen? Es zieht mich nach oben und zieht mich nach unten, beides zugleich.
Zwischen den Kehren 19 und 20 wurde vor knapp drei Jahren mittags ein toter Berggänger gefunden. Ich las in der Zeitung davon. Ich frage mich, wie man hier bei dem Besucheraufkommen unbeobachtet sterben können soll. Es müsste doch Augenzeigen gegeben haben. Ich stelle mir vor, einer der beiden vor mir Wandernden würde in diesem Augenblick kollabieren. Dann stelle ich mir vor, ich selbst sackte zusammen. Mein Kopf dröhnt.
Über den nächsten Abschnitt zwischen Kehre 21 und 22 sagt der Vielbesteiger Herr Schelbert, er möge ihn nicht. «Da läuft nichts», sagt er. Da läuft nichts. Gut gesagt! Genauso ist es. Ich komme nicht voran. Nichts geht. Nichts läuft.
Ich habe jetzt endlich diese Kehre 22 erreicht, wo angeblich eine Bank stehen soll. Die ist hier aber nicht. Ich habe mich dennoch hingesetzt, an den Hang direkt in der Kehre, obwohl ich mich erst gerade vor 40 m auch hingesetzt hatte. An der Stelle, an der ich sitze, zweigt ein Viehweg ab, noch anspruchsvoller als der normale Weg; er ist bekannt, immer wieder müssen von ihm Wanderer aus Bergnot gerettet werden.
Gerade eben wurde ich von einer Frau, die sich ebenso schwertut wie ich, überholt. Ich habe sie schon zweimal überholt und sie mich nun auch zum zweiten Mal. Ich habe ihr kurz die Hand gereicht, weil ich hier stehend den Kettenhandlauf blockiere, sie ergriff meine Hand und sagte: „Dieser Berg will erlitten werden“. Und ich glaube, das ist ein ganz guter Satz.
Es ist inzwischen unglaublich heiß, unter meinem Strohhut staut sich die Hitze. Kein Lüftchen weht. Auf dem gesamten Weg kein Fleckchen Schatten, nirgends.
Kehre 24. Schluss, mein Kopf birst, er pocht und dröhnt und mir ist schwindelig. Hier geht das heute für mich nicht weiter. Ich bin jetzt genau auf der Hälfte. Der Titel des heutigen Tages ist „halbe Geschichte vom großen Mythen“. Blöd nur: Ich mag keine halben Geschichten. Ich lasse das so nicht auf mir sitzen. Ich schliesse die Augen, es dreht sich alles, dreht sich weiter. Ich will mir eine ganze Geschichte erfinden, eine grosse, eine übervolle Geschichte voller Geschichten.
Ich stelle mir vor, all die Menschen, die den Mythen je erklommen hätten, wären jetzt gleichzeitig da. Ein unglaubliches Gewimmel und Gewusel. Und es spielten sich all die grossen und kleinen Dramen aller Begehungen dieses Berges, all diese Geschichten, hier und jetzt synchron ab. Vom Erstbesteiger bis zu meiner Wenigkeit, gescheitert auf halber Strecke, von den siegreichen Gipfelstürmern bis zu denen, die ihr Leben hier gelassen haben, ein grosses Bild des menschlichen Triumphes und Scheiterns. Der Delinquent, hochgeschickt um der Todesstrafe zu entgehen auf diesen unbezwingbaren, wilden, furchterregenden Mythen, als erster Mensch überhaupt. Er wundert sich vielleicht, dass es auf einmal so voll hier ist. Er ist nun in überreicher Gesellschaft anderer Menschen. Er rutscht immer wieder ab und fängt sich wieder, benutzt die Hände ebenso wie die Füsse, um sich bergwärts weiter zu hangeln. Genauso wie zahllose andere Bergsteiger, die nun, welche Wohltat, nicht mehr alle die gleiche zeitgenössische Funktionskleidung tragen, sondern sehr unterschiedlich gewandet sind. Da sind welche mit genagelten Bergschuhen und welche ganz ohne Schuhe, es ist Sommer und Winter zugleich, es ist alle Tage des Jahres und aller Jahre, da sieht man Pelzwesten und jede Art von Stoffen, grobgestrickt und feingesponnen, lange Trachten und kurze Wanderhosen, wollenes Unterzeug und leinene Oberbekleidung, Kapuzen, Lederwämser, Kappen und Hüte aller Farben und Moden. Ein einziges Gegehe und Gekraxel und Gerenne, nicht nur auf dem „Normalweg“, nein, auch auf den Nebenrouten und Viehwegen und natürlich quer über die Totenplangg; die einen rauf, die anderen runter, drängen sich aneinander vorbei, da rutscht einer aus, da fängt sich einer, hier wird einer gefangen, ein anderer verliert den Halt, stürzt ab; da! und dort! fallen welche vom Berg, oder eher von diesem gigantischen Menschenhaufen in Form des Mythen (denn den Berg sieht man gar nicht mehr, bedeckt von Leibern), unbemerkt die meisten, nach einigen wenigen greifen Arme, greifen ins Leere. Direkt daneben sitzen, stehen, liegen Menschen: essen, trinken, ruhen sich aus, geniessen die Aussicht, blicken in die Ferne, lachen, scherzen, stupsen und umarmen sich; da bekommt einer eine Ohrfeige, dort wird gerangelt, hier erleidet jemand einen Kreislaufkollaps.
Ich öffne halb die Augen und linse durch den Saum meiner Wimpern. Und da sind sie ja alle, von denen ich gehört und gelesen habe, von denen die Sage geht und der Bericht:
Hier, der Vielbesteiger Schelbert gerät bei Kehre 20 aus dem Gleichgewicht und vollführt einen spektakulären Überschlag, gut gemacht, Applaus! Was für ein Kunststück! Dort auf der Totenplangg wagt sich einer weit vor und erreicht mit den Fingerspitzen die schöne rote Alpenrose, bricht sie und steckt sie sich ins Knopfloch; dort lässt ein Liebender seiner Angebeteten eine Steinbank hinstellen (die ich vergeblich bei Kehre 22 gesucht habe, dort oben steht sie, bei Kehre 29!). Bei Kehre 32 hat der Altnationalrat seinen Herzinfarkt, und die Madonnenstatue, die daran erinnern soll, ist auch schon da. Bei Kurve 34 rettet sich einer vor einem Gewitter durch einen Spalt in die Felshöhle; ein anderer wird vom Blitz zu Boden geschleudert. Irgendwo kommt ein Kind zur Welt, irgendwo beschließt jemand, umzukehren, nicht weiterzumachen, womit auch immer, nicht weiterzugehen. Dort geht Max Frisch mit seinem Verleger Unseld wortlos und unter Unterdrückung jedes Ächzens, was soll der andere sonst denken, bedächtig bergan, beide den Kopf voller neuer Ideen und begierig, den Gipfel zu erreichen, um sie zu notieren. Und Frau Schweizer und die Klasse 5b sind auch da, Thomas und Gabi, Catherine, Rudi, Beat und Lara. Ganz oben neben der Gipfelhütte, sie picknicken seelenruhig. Und da bin ja auch ich, mittendrin, da oben auf dem Gipfel, geschafft!, ich habe meinen karierten Rucksack geöffnet und nehme einen grossen Schluck Tee aus der Kanne, während Rudi herzhaft in seinen Landjäger beisst und Lara aus ihrem Studentenfutter eine Haselnuss und eine Rosine klaubt, und mir herüberreicht, weil ich das so gerne mag, und wir lächeln uns an und ich greife zu.
Und all diese Gestalten, mich inbegriffen, vermischen sich mit denen, die jetzt gerade meinen Weg queren, an diesem Freitag, den 13.Juni 2025. Die jungen Männer, fünf an der Zahl, die barbusig hier hochrennen, lassen ihre Bierdosen fallen, die von scharfen Steinen gespickt aufplatzen, es zischt und schäumt und ergießt sich schwarz über Geröll und Felsplatten. Der Berg will erlitten werden, die Frau, die das sagte, ringt nach Luft und fächelt sich hektisch zu. Und da erspähe ich auch endlich Sabine, die sich fragt wo ich bleibe und freundlich von Kehre 29 herunterwinkt. Hallo, hallo, ja, hier bin ich, am Leben ja, mittendrin! Und nun erklingen mit einem Mal die Alphörner wieder! Und zu all den menschlichen Leibern, Gesichtern und Schicksalen drängen mit jedem Ton nun auch noch die Berg- und Quellgeister aus dem Berg heraus, und Gämsen preschen in Scharen über die gächen Felswände; hier weiden Schafe, und dort zeigt sich ein Rudel Wölfe, das hier zu allen Zeiten lebte und lebt, auch wenn er längst als ausgestorben gilt, der Wolf, dieses Märchen ist das größte von allen, er schaut mich direkt an, der Allzeitwolf mit seinem Bannblick, der tiefer ist als die Erdmitte, ich sehe dich. Am Leben, ja, mittendrin.
©Monique Schwitter