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Es ist gar nicht so selten, dass ihr einer gefällt. Viele haben etwas, worauf ihre Nase anspringt. Sie ist zwölf Jahre alt und besessen von männlicher Schönheit. Morgens fährt sie mit dem Zug in die Stadt, und meistens nimmt sie Witterung auf. Einer läuft immer an ihr vorbei, jeden Morgen gibt es solche, die auf der Suche nach einem Sitzplatz durch die Waggons gehen. Und oft ist einer dabei, der ihr gefällt. Lieber ist es ihr, wenn er von vorne kommt und zuerst ein Gesicht, dann einen Geruch hat, aber es geht auch umgekehrt, von hinten. Sie braucht nicht viel, einen Nacken, eine Schulter, einen Mund, eine Hand – und einen Geruch. Sie nimmt Witterung auf. Sechsmal hält der Zug, dann steigt sie aus. Sie geht in der fünfzigköpfigen Menge auf, die sich über den Bahnsteig und durch die Bahnhofsanlage Richtung Ausgang bewegt, auf hundert Füßen, dann findet sie sich, an der Ecke, alleine wieder, spürt das Gewicht ihres Körpers, verliert die Fährte, biegt nach rechts und geht, so schnell ihre Beine sie tragen, die Straße hinauf Richtung Schule. Sobald sie an ihrem Pult sitzt, ist der Geruch wieder da, verbunden mit dem Bild des Mannes – oder eines schönen Teils des Mannes. Sie atmet tief ein, durch die Nase, und konzentriert sich. Dann atmet sie aus und schnüffelt. Da ist er. Jetzt sieht sie ihn ganz, von oben bis unten, in voller Pracht – und nackt, gänzlich unbekleidet. Lieber ist es ihr, ihn von vorne zu sehen, aber es geht auch umgekehrt, von hinten. Das Bild des nackten Schönen bleibt, solange sie es wünscht; es geht, sobald sie es wegschickt, und es kommt wieder, so oft sie es im Laufe des Schultages zurückruft. Anziehen lässt sich der Nackte allerdings nicht mehr.

Es begann schleichend. Zunächst bemerkte sie nur, dass fremde, männliche Gesichtszüge ihr gefielen. Dann auch einzelne Körperteile. Und irgendwann entdeckte sie ihre Nase. Sie war selber verblüfft. Plötzlich war da dieser Männergeruch, deutlich und kräftig, und sie konnte sich nicht erklären, wo er sich bisher versteckt gehalten hatte. Was war nur mit ihrer Nase los gewesen. Die hatte ja gar nicht richtig funktioniert. Nun war es, als ob jemand eine unsichtbare Haut abgezogen und sie endlich in die Lageversetzt hätte, richtig, gründlich, durch und durch und mit voller Kraft zu riechen. Es war wie ein Erwachen, und es verschlug ihr den Atem. So also rochen sie, die Männer. So eigen, so anders, so unterschiedlich.

Einige Zeit gab sie sich vor allem dem Schnüffeln hin. Das Schauen trat in den Hintergrund. Die Augen brauchte sie nur noch, um an einen Duft zu kommen. Sobald aus dem Bild ein Geruch geworden war, hatten sie ausgedient. Ihr war, als würde alles an ihr Nase, sie roch mit der Haut, dem Hirn, dem Herzen. Sie berauschte sich geradezu an ihrer Riechkraft, warme Wellen durchströmten sie, und mit jeder Welle wurde der Geruch noch ein bisschen intensiver, wurde ihre Begeisterung über die eigene Fähigkeit noch ein bisschen größer. Das musste es sein, wovon sie so oft gehört hatte, Glück, so fühlte es sich also an.

Und eines Morgens, das weiß sie noch, erhielt der Geruch plötzlich einen Körper, und der war gänzlich nackt. Sie fuhr erschrocken zusammen und vergewisserte sich, ob die anderen Passagiere ihn etwa auch sahen. Das schien aber nicht so, alle saßen sie ungerührt da und setzten fort, womit sie beschäftigt waren: die Zeitung zu lesen, Unterlagen durchzusehen, vor sich hin zu starren, sich leise mit dem Sitznachbarn zu unterhalten. Nur sie sah ihn. Aus dem Männergeruch war das kräftig duftende Bildnis eines Nackten geworden. Die Hitze schoss ihr in die Wangen, ihr Herz und ihr Atem gingen schneller. Der Mann in Anzug und Mantel, der gerade an ihr vorbeigegangen war, roch nicht nur wild, da konnte er geduscht haben, so gründlicher wollte, nein, er war auch noch splitterfasernackt! Nun war also nicht nur ihre Nase besonders, auch ihre Augen schienen über eine bemerkenswerte neue Fähigkeit zu verfügen: eine Art Röntgenblick! Tatsächlich ließ sich dieser Ausziehblick beliebig wiederholen, der nächste Passant bekam ihn gleich zu spüren, mit Erfolg, sie sah einen feinmuskulösen Rücken, einen geradezu formvollendeten Hintern, schlanke, braunhaarige Beine, etwas zu zarte Fesseln. Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Das half aber nicht. Weder der Geruch noch das Bild des Nackten verschwanden. Beides hielt sich hartnäckig, die ganze Zugfahrt, den ganzen Schulweg, den ganzen Tag über.

Zeitgleich mit dem Ausziehblick kam auch ihr Urtraum zurück, dieser immer wiederkehrende Alb, den sie seit Kindergartentagen hatte, in dem sie plötzlich realisiert, dass sie nackt ist, füdliblutt, nackt unter lauter Bekleideten, auf der Straße, in einem Geschäft, im Klassenzimmer, beim Eislaufen, Turnen, auf der Schulreise, in der Bibliothek. Irgendwo. Überall. Und alle Blicke auf ihr. Auf ihrem Hintern. Und die bodenlose Scham, die sie wie eine gigantische Woge erfasst und um- und umwälzt und nicht mehr loslässt. Und die Unerklärlichkeit: Wie kann es denn sein, dass ich schon wieder die Hose vergessen habe! Und alle lachen mich aus, das ganze Dorf lacht sich kaputt, schreckliche Heiterkeit, höllisches Hohngelächter! Und kein Stück Stoff in Sicht, um meine Blöße zu bedecken. Ausgestreckte Finger, verzerrte Fratzen, nie versiegendes Gegröle, immerwährende Schmach.

Die nackten Männer aber schämen sich nicht. Und werden von ihr nicht ausgelacht. Neugierig sieht sie sie an, gründlich, aufmerksam. Aber ohne Häme, ohne Verwunderung, ohne Spott. Voller Mitgefühl, aber ohne Mitleid, bejahend, komplizenhaft – auch wenn die Vorstellung, selber nackt in diesem Zug zu sitzen, für sie natürlich der blanke Horror ist.

Die nackten Männer sind nicht nur ihr Geheimnis, sie teilt mit ihnen auch ein Geheimnis. Sie fühlt sich ihnen nah, obwohl ihr forsches Spiel ihr selbst mitunter peinlich ist. Wenn eines ihrer Opfer sich unvermutet umdreht und sie ansieht, zum Beispiel. Da setzt ihr Herzschlag stets aus. Es ist aber nie – noch nie – vorgekommen, dass sie von einem der Männer angesprochen worden wäre. Und so sehr die nackten, riechenden Männer ihr auch gefallen, so wenig wünscht sie sich, ihre Stimme zu hören, eine Fragegestellt zu bekommen, zu einer Antwort aufgefordert zu werden.

Als sich zum ersten Mal einer umdrehte, kam sie sich vor wie eine Diebin. Als hätte sie diesem Mann gerade seinen Geruch geklaut, indem sie ihn so eifrig eingesogen hatte, als er an ihr vorbeigegangen war. Fehlt Ihnen etwas, hätte sie ihn fast gefragt, mit scheinheiliger Miene. Nein. Der Mann roch noch immer, sie hatte gerade tief Luft geholt und sich davon überzeugt. Sie gab sich selbst Entwarnung und lachte in sich hinein. Offensichtlich war es nicht möglich, einen Geruch zu stehlen, auch wenn man ihn sich derart entschlossen und erfolgreich einverleibte, wie sie es getan hatte. Nicht nur in der Nase hatte sie den fremden Geruch, sondern am Gaumen, auf der Zunge, im Rachen; erschien sich keineswegs zu verflüchtigen, er haftete an ihr, der anhängliche Geselle.

Und so ist es inzwischen mit jedem Schönen. Inzwischen ist jeder Geruch hartnäckig, und aus jedem wird ein Nackter. Es ist sogar in jüngster Zeit vorgekommen, dass das Bild nicht auf sich warten ließ, sondern sofort, im Moment der Witterung, vor ihr inneres Auge trat. Und mit dem duftenden Bild ist da eine Ahnung.

Und mit der Ahnung nehmen die Geschichten ihren Lauf. Verfol-gungsgeschichten, Entführungsgeschichten, Erpressergeschichten, Liebesgeschichten. Sie kommt sich nicht vor wie die Erfinderin dieser Geschichten. Vielmehr gerät sie in sie hinein, ja, die Geschichten scheint es bereits zu geben, sie scheinen urplötzlich, gemeinsam mit der Ahnung, zu entstehen, aus dem Nichts und fixfertig. Alles, was sie tut, ist Schnüffeln, der Rest stellt sich von selbst ein. Und schon findet sie sich in einer Geschichte wieder. Es sind rasante Geschichten, in halsbrecherischem Tempo entrollen sie sich vor ihr und reißen sie mit. Ihr Part ist meist die Verfolgerin, manchmal die Entführerin, selten die Erpresserin, und immer die Geliebte.

Es sind veritable Abenteuergeschichten, die den Vorortzug und seine Passagiere, das Klassenzimmer und die Schule weit hinter sich lassen. Meist ist sie in schnellen Autos unterwegs, über Schotterpisten, Schlammstraßen und durch Wüstensand. Oft hält sie unter einer sengenden Sonne an, in flirrender Luft, begegnet vermummten Gestalten und befreit den Geliebten aus einer gefährlichen Situation, beispielsweise einer Gefangenschaft; und es gelingt ihr nur durch ihr Verhandlungsgeschick und ihre Gerissenheit, ihn zu befreien.

Oft muss eine raffinierte List angewendet werden, und immer sind ihre tiefe Entschlossenheit und ihre hohe Risikobereitschaft die Schlüssel zum Erfolg. In den Geschichten, in denen sie zur Entführerin wird, gibt es dafür gute Gründe, meist bewahrt sie so den Geliebten vor einer viel größeren Gefahr, kommt dunklen Gestalten, fiesen Kidnappern und echten Übeltätern zuvor. Wechselhaft und ränkereich sind diese Geschichten, sei es, dass sie selbst dabei gefangen genommen, gefoltert oder erpresst wird, sei es, dass auf einen Befreiungsversuch eine erneute Haft folgt, auf und ab geht es, hoch und nieder; manchmal wird sie sogar selbst zur Erpresserin, zwangsläufig, um ihren Geliebten frei zu bekommen. Ja, die Rolle der Geliebten spielt sie in jeder Geschichte, egal, was sie sonst noch ist: Verfolgerin, Entführerin, Erpresserin. Darauf ist Verlass, bei allen Unwägbarkeiten, bei jedem wechselnden Geschick, bei aller Überraschung: Es gibt den Geliebten, und sie ist seine Geliebte.

Der Zug hat sich soeben in Bewegung gesetzt. Die automatische Schiebetür geht auf, sie sieht ihn kommen. Sie rückt etwas nach hinten, bis sie ganz aufrecht sitzt, schließt die Beine und schaut ihn an. Er kommt schwankend auf sie zu. Sie hat ihn noch nie gesehen. Ist er neu in der Gegend, ein Zugezogener? Oder einfach nur heute später dran als sonst? Wie einer, der verschläft, sieht er nicht aus. Also ist er vielleicht nicht später, sondern früher dran als sonst? Kann sein. Aber wie einer, der erst um neun beginnt, sieht er erst recht nicht aus. Sein Anzug, seine Schuhe, sein Trenchcoat, seine Frisur sind typisch für einen, der um acht beginnt. Dann wäre das hier sein Zug, dann wäre er hier richtig, nur: Wo war er die ganze Zeit? Warum erst heute? Wo kommt er her? Er geht an ihr vorbei, sie atmet, so tief es geht, ein, oh, wie hübsch, diese Knie sind wirklich schön geformt, und seine Haut an den Schenkeln unter den dunklen Haaren hat einen leichten goldenen Schimmer. Er riecht nach Harz, ganz leicht, und ein bisschen nach trockenem Holz. Es wäre schade, wenn sie ihn verlöre. Sie entschließt sich ohne nachzudenken: Sie wird ihm folgen. Sobald er aussteigt, wird sie ihm nachgehen. Und die Schule? Sie kann sich nicht einmal an den Tag erinnern, geschweige denn an den Stundenplan. Jede Erinnerung ist ausgelöscht. Sie dreht sich nach ihm um und sieht, wie er sich auf einen freien Platz zwei Reihen weiter hinten setzt, schräggegenüber von ihr. Vierter Halt. Sie schaut kurz, er bleibt sitzen. Fünfter Halt, alles in Ordnung, er sitzt und schaut zum Fenster hinaus. Sechster Halt. Sie erhebt sich und geht auf die Tür zu. Er bleibt sitzen. Sie setzt sich unauffällig wieder hin. Der Zug fährt weiter. Hauptbahnhof, er steht auf, sie folgt ihm. Sie lässt einige Meter Abstand und geht mit klopfendem Herzen hinterher, die Rolltreppe hinauf, dem Ausgang entgegen, die Löwenstraße entlang. In einem Bürohaus Ecke Schweizergasse verschwindet er. Ihr Herz rast. Irgendwo schlägt eine Uhr, es ist Punkt acht, die Schulstunde hat soeben begonnen. Biologie, natürlich, heute ist Donnerstag.

Ihre Erinnerung ist zurück. Das ganze Elend ihrer Situation ist ihr klar vor Augen. Sie versucht, ihren Atem zu beruhigen. Tiefe Züge. Bei jedem Einatmen riecht sie ihn, das süßliche Harz, das herbe Holz. Das Gesicht des Biologielehrers, der sie immer mit falschem Namen anspricht. Böse sieht er aus. Sie wagt es nicht, zu spät in den Unterricht zu kommen. Bis sie da wäre, wäre es halb. Sie geht zurück zum Hauptbahnhof und steigt wieder in den Zug.

Als sie zuhause ankommt und das erstaunte Gesicht ihrer Mutter sieht, bricht sie in Tränen aus. Ihre Mutter legt ihr die Hand auf die Stirn. Du musst dich hinlegen, sagt sie, komm. Eine ganze Woche bleibt sie im Bett. Als sie am Freitag darauf wieder aufsteht, ist ihr erster Roman fertig. Sie muss ihn nur noch ins Reine schreiben. Sie versteckt den Stapel Blätter, die sie nach und nach aus dem Schreibtisch der Mutter geklaut hat, unter den Winterpullovern. Sie schnäuzt sich. Draußen singt eine Lerche.


©Monique Schwitter

Monique Schwitter
Harz und Holz
Erzählung

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