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Dort drüben, auf der anderen Seite, bin ich, entfernt, bei mir. Dort ankert mein Blick, von dort strahlt es zurück. Verbunden mit etwas oder jemandem.

Und nur in der Entfernung ist dieser oder dieses andere nah, seltsam vertraut, zuverlässig spürbar.

 

(Ich kann nicht schlafen). Ich bin, ich bleibe wach. Hier oben, von meinem Bett auf der niedrigen Empore meines südseitigen Zimmers aus, auf der man nur kriechend sich fortbewegen kann, von dieser Hochebene, die man über eine schmale, seitliche Holztreppe in meinem Kinderzimmer erreicht, kann ich im Liegen die Lichter am anderen Ufer sehen, jenseits der schwarzen Wasserfläche, dieser dunklen Leerstelle, die der See bedeutet, bäuchlings, das Kinn auf der kleinen Erhöhung meiner flach gefalteten Hände ruhend. Ewig schaue ich hinüber ins Dunkel, der anderen Seite entgegen. Meine Augen weiten sich, mehr und mehr, und lassen die Lichter herein, die vom anderen Ufer herüberscheinen, helle Punkte, gelblich bis stechendweiss, dazwischen vereinzelt rote, die meisten an Ort und Stelle, manche bewegen sich, ziehen weiter, fort, irgendwohin, mit unbekanntem Ziel. Mein Himmelszelt. Meine Gestirne.

Die meisten sind und bleiben, funkeln und grüssen, verheissen, ziehen mich an, versetzen mich in Erwartung, in eine angenehme Art von Unruhe, und gleichzeitig in behagliches Zuhausegefühl, verhindern den Schlaf und geben mir gleichzeitig das Gefühl, in Sicherheit zu sein.

Was ist das Leben wohl bringt?

Wohin es mich tragen, jagen, wehen wird?

Das Gefühl von zu Hause, von Heimat im Hinblick auf die andere Seite und das Licht von dort.

 

Dazwischen kurze Bilder von langen, hellen Tagen, Schwäne, die an der Uferböschung, im Übergangsbereich zwischen Land und Wasser, jungen Pfingstrosenbüschen die festen Knospen wegfressen und wild fauchen, wenn wir ihnen aus Versehen beim Anlanden nach dem ersten Bad im Frühling, leicht fröstelnd auf wackeligen Beinen über den steinigen Grund gehend, in die Quere kommen. Übergangslos wechseln die Weisslinge vom Genuss- in den Angriffsmodus, greifen zu ihren Flügelwaffen, machen sich breit und schiessen auf uns zu, ihren Anspruch auf die zarten Knospenbälle behauptend. Wie schön sie sind, wie bedrohlich. Es sind die vorgereckten schlanken Hälse, die uns erschrecken, und der tiefe Glanz ihrer böse blitzenden Knopfaugen, die ihr Gefauche so wirkungsvoll machen. Ein heiseres, schnarchendes Einatmen, ein rasselndes, kesselndes Ausstossen. Wie schön du bist / geh weg! Bewunderung und Abscheu. Angst vor Berührung. Gleichzeitig angezogen durch den Schwan. Gefangen.

 

Kleiner Bootsanlegesteg. Auf dem schattenlosen Mäuerchen sitzt eine alte Frau in der Sonne. Alt? Heute würde ich sagen: um die 60. Sie sitzt auf einer Zeitung. Manchmal liest sie ein Stück Zeitung, das sie im Sitzen umständlich unter ihrem Gesäss hervorgezogen hat. Sie trägt ein ärmelloses, knielanges dunkelblaues Nylonkleid. Sie ist immer da. Klein und gedrungen ist sie. Und sehr, sehr braun an Armen und Beinen. Die Schuhe stehen ordentlich neben ihr. Niemals geht sie ins Wasser. Immer fragen wir uns, ob sie wohl schwimmen kann. Aus ihrer Einkaufstasche aus glänzendbraunem Kunstleder holt sie ein belegtes Brot heraus und eine kleine Thermoskanne, in deren weissen Plastikdeckel sie den dampfenden Kaffee giesst.

 

Badeplatz am oberen Zürichsee. Brennnesseln. Ein Holzschopf.

Nebenan die andere Familie. Kinder erkunden immer die Grenzen. Es interessiert sie mehr, bis wo es geht, als das Grundstück selbst. Immer zieht es uns an die Ränder.

Unseres. Unser Reich. Wo endet es? Wo fängt es überhaupt an? Existiert es?

Die ältliche Frau, die ganz alleine ist, sitzt  auf dem Mäuerchen und hat ganz umsonst den schönsten Platz der Welt. Auch wenn sie nicht badet. Sie sitzt den ganzen Tag da und tut nichts. Wenn sie nicht Zeitung liest oder ein Brot isst. Die Hälfte davon wirft sie stückweise ins Wasser.

 

Später, als Jugendliche, sind wir dorthin baden gegangen, wo der See allen gehört, wo alle hingehen. Dort stehen heute die Schilder, die darauf hinweisen, dass dieser Platz am See, dieser schmale Streifen Küste, eben nicht allen gehört, sondern den Einwohnern der Gemeinde. Ein Mann sitzt auf einem Aluminiumstuhl. Er beobachtet uns. Eine Mutter mit zwei Schulkindern in Bademänteln grüsst überdeutlich, mit Fragezeichen. Grüezi? Wir sind von hier!, hätte ich fast gesagt, aus Rechtfertigungsgründen, hier aufgewachsen! Wir sind nur zum Schein Eindringlinge! In Wahrheit gehören wir dazu, auch wenn wir hier, ähm, keine Steuern zahlen. Mein Bruder sagt nichts. Er scheint sich nicht so herausgefordert zu fühlen wie ich von den Blicken, die uns bedeuten, dass wir nicht berechtigt sind. Dass der Platz uns nicht offensteht, obwohl er frei zugänglich ist.

 

Vorsicht, gefährliche Seetiefe, steht da. Ja, ich erinnere mich genau. Steigt man von der kleinen metallenen Einstiegsleiter ins Wasser, tritt man ins Leere. Steil geht es bergab. Einen Stehbereich in Ufernähe gibt es nicht. Hier muss man schwimmen können. Er konnte schwimmen, der junge Algerien, der damals hier ertrank.

 

Meine Galerie unter dem Dach hat ein seitliches Dachfenster. Von dort blenden hin und wieder Scheinwerfer in mein Zimmer und prallen auf die Wand, wo sie Schatten…

ein Auto, das seitlich in die Wohnstrasse einbiegt. Es erhellt kurz das Dunkel, lautlos, kein Geräusch, nur Licht. Es zeigt sich kurz etwas, ein Zeichen für ein menschliches Wesen, das nach Hause kommt oder wegfährt von zuhause, aufbricht.  Mit dem Licht leuchten Gedanken auf, Bilder, Erinnerungen, Unverarbeitetes, des Tages, der jüngeren oder älteren Vergangenheit. Glühendheiss tauchen Bilder der Schmach auf, und glitzernd und verheissungsvoll kühl, wie im Frühlingswind, die bunten Bilder der Versprechungen und Hoffnungen auf Zukünftiges.

 

Ich weiss, wie sie den jungen Algerier hochgeholt haben, der an jenem Tag Geburtstag hatte, den 20., jedenfalls erzählte er uns das, kurz bevor er verunglückte. Wie sie ihn umdrehten und seine bläuliche Brust der Sohne und unseren Augen präsentierten. Wie sie sich gewaltsam auf ihn warfen und in wiederzubeleben versuchten, wobei das Wasser aus seine Lungen schoss und wir mit jedem Ruck dachten, er bewege sich, aber es waren nur die heftigen Stösse der Rettungsleute, die ihn zucken liessen, bis er wieder und wieder leblos auf das vom fortgeschrittenen Badesommer strapazierte Gras fiel.

 

Mit 20, dachte ich, geht es los, mit 20, sah ich, endete es hier.

 

Es zerriss uns die Herzen. Er hat doch heute Geburtstag, weinten wir, und der Schnodder lief uns in unendlichen zähen Fäden aus der Nase, unstoppbar.

 

Später dachte ich, das war vielleicht seine Masche, vielleicht erzählte er den Mädchen jeden Tag, er habe Geburtstag, weil er ihren einen Kuss abbetteln wollte oder einfach nur ein bisschen Freundlichkeit, Aufmerksamkeit, einen Glückwunsch, ein Lächeln, ein Machest? Später dachte ich das manchmal, damals nicht. Erst später, geformt von Misstrauen. Damals waren die Menschen freundlich und gut, niemand führte etwas im Schilde, was sie sagten, war wahr. Damals kannten wir keinen Zweifel. Keine Hintergedanken.

 

Nun stehe ich hier, blicke vor und zurück und rieche diesen typischen Frühlingsseegeruch, der fischige Verwesung mit der zarten Würze von jungem Holz und verhocktem Blütenstaub vermischt. Hier stehe ich und schaue hinaus, über den See, ins Weite, hinüber.

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©Monique Schwitter

Monique Schwitter
Abends die Lichter am anderen Ufer des Sees

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