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Monique Schwitter
Über das Lebensmittel Literatur 

Zum 10. Geburtstag des Zentralschweizer Literaturhauses LitZ  2025

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Guten Abend, sehr geehrte Menschen, die sich hier eingefunden haben.

Ich bin als Festrednerin für heute Abend eingesprungen. 🏃🏻‍♀️

Sabine Graf hat mich angefragt, ob ich diese Aufgabe übernehmen könnte. Sie nannte mir das Thema, „Warum Literatur?“.

Ich überlegte es mir bis zum nächsten Tag, obwohl es nicht viel zu überlegen gab, denn die Frage der Bedeutung und Wirkmacht von Literatur ist ja nun mal eine zentrale, nicht nur eine zentralschweizerische.
Nun denn:
Was vermag Literatur?
Die Literatur schafft es, uns in Beziehung zu halten, in der Verbindung.
Ich meine damit zunächst ganz einfach die Tatsache, dass ich (ich als Mensch, also jede und jeder von uns) in und mit der Literatur (und ich wüsste nicht auf welchem anderen Gebiet dies auch nur ansatzweise gelingen könnte), dass es mir in und mit der Literatur möglich ist, dauerhaft in Verbindung zu sein;
und zwar mit den Lebenden genauso wie mit dem sehr viel größeren Heer der Toten (und dieses Heer wächst ja im Laufe eines Menschenlebens. Meine lieben Toten werden immer mehr und meine lieben Lebenden leider immer weniger.) Alle meine Toten, alle die Menschen, denen ich mich nah gefühlt habe, mit denen ich die eine, die andere, eine wie auch immer geartete Beziehung eingegangen bin, all diese Menschen, die nicht mehr da sind, bleiben mir verbunden durch die Literatur: indem ich sie erzähle, sie besinge, sie berichte, sie bedichte, sie texte, bzw. be-schreibe.
Und auch, indem ich ihre Texte lese, Literatur ist immer schreiben und lesen; indem ich ihre Briefe, ihre Tagebucheinträge, ihre Bücher mit ihren Gedanken lese, alles, was von Ihnen schriftlich da ist, was geblieben ist.

Ich kann in dieser Art und Weise auch mit Menschen zu tun haben, mit denen mir keine gemeinsame Lebenszeit vergönnt war, die schon tot waren, als ich geboren wurde. Zumal mit denjenigen, die etwas Schriftliches zurückgelassen haben, den Autoren unter den Toten. Tatsächlich sind viele meiner liebsten Freunde schon immer tot gewesen, solange ich am Leben bin, sei es Robert Walser, sei es Heinrich von Kleist, oder Ödön von Horvath, oder seien es Else Lasker-Schüler, Marina Zwetajewa oder Sylvia Plath; Samuel Beckett oder Friedrich Dürrenmatt. Obwohl, das stimmt nicht. Beckett und Dürrenmatt waren noch sehr lebendig, als ich geboren wurde. Sie starben erst, genauso wie Thomas Bernhard und Max Frisch, zwei andere Freunde von mir, als ich dabei war, meine Matura, „Reifeprüfung“ zu machen. Von Februar 1989 bis April 1991 starben nacheinander Thomas Bernhard, Samuel Beckett, Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch. So viele Freunde in so kurzer Zeit verloren. Ich hielt das für bedeutend. Ich breche ins Leben auf, sie sterben. Ich begriff es als eine Aufgabe: Sich nicht vom Tod aufhalten zu lassen. Mit ihnen zu sein und zu bleiben, den Verstorbenen. Jetzt erst recht. In und mit der Literatur ist es uns möglich, über den Tod hinaus dauerhafte Beziehungen einzugehen, Leute zu be-denken, und mit Ihnen im Austausch zu bleiben, der weiter geht, als die Zeit es erlaubt. Und in diesen Verbindungen ein tröstliches Netz zu finden; ein Spinnennetz, Arachne als Figur, die begabte griechische Weberin, die bessere und interessantere Wandteppiche, sprich Bildergeschichten, anfertigt als die Göttin der Kunst und des Handwerks, Athene, und die von ihr zur Strafe in eine Spinne verwandelt wird, auf dass sie ewig Fäden zu Geschichten verweben muss. Auch wir weben und weben weiter, unser Leben lang, und fangen und spinnen darin ein alle möglichen Wesen, mit denen wir es zu tun bekommen, oder zu tun bekommen möchten, denn im Lesen und Schreiben sind wir frei, in Beziehung zu treten, mit wem wir wollen, einzuspinnen, wen wir wollen, wie wir es wollen, wann wir es wollen und so oft und solange wir es wollen. Ewig, wenn wir wollen. Ein Leben lang vergegenwärtigen wir. Wir schaffen Gegenwart. Unabhängig von der Zeit, vom Ticken der Uhr. Ewige Gegenwart, das ist Literatur. Jeder Text, jede Geschichte, jedes Buch schreibt sich in das eine, riesige Netz ein.

 

Jetzt bin ich fast ein bisschen ins Pathos geraten, stelle ich fest, und ich stelle auch fest, dass ich Pathos genauso liebe (und es mir wirklich lebenswichtig erscheint,) wie ich ihm ja leidenschaftlich und lebenslänglich misstraue und abgeneigt bin, dem Pathos, das ich unerträglich finde, ungenau und irgendwie besoffen (im besten Falle, und im schlechtesten Falle: einfach nur verlogen.) Ich aber bekenne, ich brauche es auch. Ich brauche eine feierliche Getragenheit manchmal, wenn es um die Dinge geht, ohne die es nicht geht.

Ich weiß, dass man hierzulande (auch und gerade zu solchen Jubiläen) alles tun möchte, außer feierliche pathetische Reden zu halten; auf gar keinen Fall, man möchte unterhaltsam daherkommen und ganz sicher ohne Hemmschwelle, also verbal barrierefrei. Ich habe zuweilen erlebt, dass der oder die Redner in sich eher über den Anlass lustig machten, als seinem Wesen zu huldigen; ich habe überlegt, wie so eine Rede landläufig gehalten würde: ein bisschen schräg, ein bisschen witzig, ein bisschen die Erwartung unterlaufen, natürlich mit ein bisschen mehr Swissness in der Aussprache, und dann würde natürlich auf gar keinen Fall irgendetwas zu ernst genommen, immer lüpfig bleiben und zum Schmunzeln, ein bisschen: Bloß keine Angst vor der Literatur, sie ist ohne Arg, nur ein Spaß.

Wahrscheinlich würde ein bisschen mit Klischees gespielt und die Literatur, zumal die Schweizerische, mit einem Caquelon Käsefondue verglichen, in den jede und jeder seine Gabel hineinstecken darf und darin herumstochern und ein bisschen herumrühren und ein bisschen diese fahle, träge Käsemasse von A nach B schieben. Und in der jede und jeder mit eben dieser langen Gabel beim Zurückziehen aus dem Topf auf dem Weg zum Teller oder zum Mund nicht enden wollende LANGE Käsefäden zieht und ziehen darf, ins Unendliche. Ungefähr so würde wahrscheinlich oder vielleicht so eine Rede begonnen und ich fürchte auch beendet.

Ich bin jetzt auf Käse gekommen. Und das wundert mich nicht. Wir sind hier im Chäslager. Nein, jetzt fange ich auch schon an, witzig zu sein. Also ernsthaft: Reden wir über literarischen Käse. Oder über käsige Literatur. Nein. Reden wir über Literatur als Lebensmittel. Literatur als Nahrung. Mal flüssig, mal fest. Man verschlingt sie, sagt man auch. Es ist harte Kost, sagt man. Süffig geschrieben, loben wir. Zähe Geschichte, schimpfen wir.

Es gibt den Fresszettel, den ich für das eigentliche Gesicht, das Anfangs- oder Babygesicht der Literatur halte. Fresszettel. Diesen Ausdruck gibt es nur hierzulande. Wir sollten ihn in Ehren halten. Ich schrieb immer auf Zettel. Zettelwirtschaft. Jetzt habe ich wieder einen Studenten, der von Hand auf Zettel schreibt, nicht etwa in ein Notizbuch. Auf Zettel. Fresszettel. Um den muss ich mir keine Sorgen machen. Er schafft sich auf diese Weise eine veritable Lebensgrundlage, einen wunderbaren Vorrat. Er wird nie Hunger leiden.

Wie ist es mit dem Durst? Die Flaschenpost. Ich habe lebenslang auf eine gewartet. Sie auch? Wir wollen uns gemeint fühlen. Wir wollen erreicht werden. Wir wollen in Verbindung treten, selbst mit einem Unbekannten. Gerade mit dem Unbekannten. Warum eigentlich in einer Flasche? Labsal. Flüssige. Nektar. Göttertrunk.

Wie kommt der Brief in die Flasche? Was ist die Geschichte dahinter? Und wie kommt die Geschichte in die Geschichte? Woraus speist sich eine Geschichte?


Es gibt einen Text, er handelt vom wechselseitigen Verhältnis zwischen Literatur und Leben und vom großen Spinnennetz Literatur, das Geschichten aus Geschichten webt. Ich habe ihn vor neun Jahren geschrieben und gestern wiedergefunden, als ich einen anderen Text suchte. Ich möchte ihn gerne mit Euch teilen.
Er heißt: „Wie Geschichten sich fortschreiben“:

 

Anlässlich des Erscheinens der englischen Übersetzung meines Erzählungsbandes „Goldfischgedächtnis“ war ich im Dezember 2015 in Irland. Längere Zeit hatte ich aus diesem Buch nicht mehr vorgelesen, inzwischen gab es das aktuellere, „Eins im Andern“, und ich war gespannt auf die Wiederbegegnung mit meinen „alten“ Texten.

Nach einer klassischen irischen Whiskeyglas-Lesung der Titelgeschichte in Dublin fuhr ich tags darauf deutlich derangiert an die Westküste, nach Galway, um an der dortigen Universität zu lesen. In Absprache mit Professor Schmidt-Hannisa entschied ich mich für die Erzählung „Das Nylonkostüm“, in dem ein Vater, nach dem frühen Krebstod seiner Frau plötzlich allein mit dem sechsjährigen Sohn, sich an Halloween auf dessen Geheiß als Skelett verkleidet. Worauf der Kleine sich, obwohl er den Vater erkennt, aufs Fürchterlichste erschreckt und erst nach längerer Zeit im Elternbett unter den streichelnden Händen des Vaters wieder beruhigt.

Professor Schmidt-Hannisa bemerkte beim anschließenden Essen, er freue sich sehr über diese Paraphrase von Goethes „Dichtung und Wahrheit“. Er strahlte mich an. Ich wusste nicht, wovon er sprach. In Dichtung und Wahrheit, führte er aus, gebe es doch diese wunderbare Szene mit dem väterlichen Gespenst. Der kleine Goethe habe immer ins Bett der Eltern gewollt; und um das zu verhindern und den Sohn zu verschrecken, habe der Vater sich als Gespenst verkleidet. Ich war fasziniert, konnte mich aber überhaupt nicht daran erinnern.
Nun war es tatsächlich zwanzig Jahre her, dass ich Dichtung und Wahrheit gelesen hatte, aber wie konnte ich eine derart eindrückliche Szene vergessen? Ich teilte meine Bestürzung mit. Professor Schmidt-Hannisa entgegnete: „Unmöglich. Es ist Ihnen sicher nicht entfallen. Gut abgelegt haben Sie es. Anders lässt sich dieser Bezug gar nicht erklären.“
Ich habe die Geschichte gut abgelegt, oder „versorgt“, wie man hierzulande sagt, einer meiner Lieblingshelvetismen. Ich habe es innerlich ver-sorgt, sprich: sorgsam verwahrt.

Begierig darauf, nach Hause zu kommen und Dichtung und Wahrheit aus dem Regal zu ziehen, wurde ich enttäuscht. Bei Goethe nimmt die Szene gerade einmal vier Zeilen ein. Der Schrecken wird nur angedeutet. Von einer Verkleidung als Gespenst ist nicht die Rede, stattdessen heißt es: wenn es uns Kindern unmöglich fiel, allein zu schlafen „und wir uns sacht aus den Betten hervormachten, so stellte sich, in umgewandtem Schlafrock und also für uns verkleidet genug, der Vater in den Weg und schreckte uns in unsere Ruhestätte zurück.“ Fast hätte ich die Stelle überlesen, so bescheiden steht sie da. Dennoch hatte Schmidt-Hannisa natürlich recht und seine Wiedergabe der Szene war äußerst treffend. „In umgewandtem Schlafrock und also für uns verkleidet genug“ entspricht genau dem Umstand, dass der Sohn den Vater zwar erkennt, sich aber dennoch von der fremden Gestalt (dem Gespenst bei Goethe, dem Skelett in meiner Geschichte) zu Tode erschrecken lässt. Der Nächste und der Fernste, Vater und Gespenst, Leben und Tod, fallen in eins und werden, gerade in dieser Dualität, fürchterlich real.

Was lernen wir aus dieser Geschichte? Literatur entfaltet sich in den Köpfen und Herzen der Leser. Zum einen entfaltet sich Geschriebenes, aus dem Gedächtnis wiedergegeben, oft eindrücklicher als beim ersten Lesen. Dieses Nacherzählen erinnert uns daran, dass Lesen immer ein Übersetzungsvorgang ist, bei dem es stets darum geht, die Bedeutung, den Kern des Geschriebenen zu verstehen und weiterzutragen. Zum anderen zeigt es, dass aus Erzählungen weitere Erzählungen entstehen, selbst wenn der Schriftsteller, in diesem Beispiel ich, gar nicht bemerkt, wie er oder sie beim Erfinden auf Bestehendes, Gelesenes reagiert.

Geschichten bringen Geschichten hervor. Geschichten schreiben sich fort. Woher sie kommen, wie sie gehen, und wohin, und was sie, diese Ausgeburten des Geistes, im Leben auslösen und umgekehrt, was das Leben in den Geschichten auslöst, das ist das wirklich Wunderbare an Literatur.

Dazu gehört auch dieser kurze Nachtrag: Damals beim Vorlesen des „Nylonkostüms“ in Galway begegnete ich in der Figur des Jungen meinem eigenen, zu jener Zeit sechsjährigen Sohn, der jedoch, als ich die Geschichte geschrieben hatte, noch ein Baby gewesen war. Ich konnte ihn also gar nicht beschrieben haben. Umgekehrt ist es unwahrscheinlich, dass mein Sohn mir den Gefallen tat, so zu werden wie eine meiner literarischen Figuren. Er ist er, ganz einfach, und so einzigartig wie jeder Mensch. Und dennoch habe ich ihn in dieser Geschichte zweifellos wiedererkannt, täuschend echt und eindeutig. Und das geht mir beileibe nicht mit jedem Sechsjährigen in jeder Geschichte so. Ich finde das beunruhigend und beruhigend zugleich.

Beunruhigend und beruhigend zugleich.
Ich denke, das trifft es ganz gut. Das Ganze.

Ende!

Danke fürs Zuhören und dem Literaturhaus Zentralschweiz von Herzen alles Gute zum 10. Geburtstag – und auf die nächsten zehn Jahre!

 

©Monique Schwitter

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